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Das Auto der ersten Afrikaquerung

Süddeutsche Automobilfabrik in Gaggenau

 
 

Auswahl des Fahrzeugs

Ende 1905 begann Paul Graetz mit Anfragen an Automobilfirmen, Vorschläge für einen Wagen zu machen, der geeignet ist, 11000 km durch Afrika zu fahren. Die Anfragen wurden durch Herrn von Funke, Herausgeber der Jagdzeitschrift „Sankt Hubertus“ gemacht, damit Graetz nicht als Auftraggeber frühzeitig bekannt wird.   Entscheidung für Süddeutsche Automobilfabrik in Gaggenau. Diese Firma war ein Vorläufer der Benz-Werke. Durch Fusion mit den Daimler-Motoren-Werken im Jahre 1926 entstand Daimler Benz. Unterlagen über Konstruktion und Leistung seines Wagens waren 1968 noch im Daimler-Benz-Archiv vorhanden, heute nicht mehr auffindbar.

Von der Süddeutschen Automobilfabrik erwarb er ein 35-PS-Fahrgestell und ließ eine Doppelphaeton - Karosserie bei der Berliner Karosseriefabrik Neuß nach seinen Angaben für die Fahrt herrichten.  Zusammengeschraubt wird alles dann in Gaggenau.

Hier arbeitet Graetz beim Zusammenschrauben mit, um sich vom Chauffeur unabhängiger zu machen. Unterkunft überwiegend Hotel Stephanie in Baden – Baden zum Teil auch in Brenner´s Parkhotel.  Erste Probefahrten waren am 09. 05. 1907. Insgesamt 1.500 km Testfahrten auf deutschen Straßen. Stützpunkt von Graetz war das Hotel Bristol am Kurfürstendamm.

 

KaiserpreisrennenDer erste öffentliche Einsatz

war beim Kaiserpreisrennen 13.+14.06.1907 in Homburg: Am Tag vor Kaiserpreis-Autorennen Homburg vor der Höhe Telegramm vom Hofmarschall Graf Eulenburg nach Berlin: Der Kaiser wünscht das Auto zu sehen. Der Motor war aber noch nicht eingefahren. Potsdamer Bahnhof. 16:00 Uhr verladen, angehängt an Nacht – D-Zug.  Wird in aller Eile per Bahn herbeigeschafft. Schlafwagen nach Frankfurt, Fahrt nach Homburg. Übernachtung in Ritters Park Hotel.

Graetz mit Kaiser Wilhelm II 1.Treffen mit Kaiser. Seine Majestät geruhen, sehr gnädig zu sein. Wilhelm II besichtigt Wagen von allen Seiten, drückt sogar die Hand des Abenteurers und wünscht ihm viel Glück zur tollkühnen Reise. „ Wenn Sie wirklich am anderen Ende Afrikas wieder herauskommen, mein lieber Graetz, dann schicken Sie mir eine Postkarte.“ Andere Quelle „Lassen Sie mal wieder von sich hören“. Schlussdinner im Speisesaal Ritters Park Hotel. Am nächsten Tag Abschiedsparty bei Henkell in der Beethovenstraße in Wiesbaden.

Graetz zurück nach Berlin, Chauffeur Neuberger nach Gaggenau, Generalüberholung und Verstauung für Hafen Hamburg.

Verladung Fahrzeug in Hamburg am 29.06.1907

 

Auto: technische Details, Ausgangszustand

Gaggenau - Werbung aber kein Geld Preis mit Ersatzteilen: 13.000 Mark [andere Quelle 15.000 RM, Selbstkostenpreis, kein Sponsoring durch Fahrzeugwerke Gaggenau] Entspricht heute 130.000 Euro.

35 / 50  PS – Vierzylinder – Motor, Steuer und Vergaser auf rechter Seite, Meilentacho, 3 Gänge, Kettenantrieb auf Hinterachse mit drei auswechselbaren Zahnrädern - erste Übersetzung erlaubt 30 km/h, höchste Geschwindigkeit 60 km/h. Lastwagenchassis mit 1,25 m Breite , Doppelphaeton - Karosserie nach seinen besonderen Angaben. Omnibuschassis mit 35 cm Bodenfreiheit durch Unterlegen von besonders starken Holzklötzen und Reifen in der Größe 1120 x 120. Die Felgen waren komplett aus Holz.

Da es noch keine modernen Ventile gab, mussten die Reifen mit 12 Atü gepumpt werden. Ankurbeln „Anlasser? Ein frommer Wunsch unter der tropischen Sonne“. Benzinkessel hinten unter den Hintersitzen fasst 250  Liter in 2 Compartments, vorderer Kessel 145 Liter, auf hinteren Benzinkessel ist ein Blechkoffer für Ausrüstung untergebracht.

Amerikanisches Verdeck aus gummiertem Segeltuch. Das Innere des Wagens konnte durch ein Moskitonetz abgeschlossen werden. Durch Zurückklappen der Rücklehnen der Vordersitze ließen sich 2 bequeme Lager herstellen. Im Hohlraum der vier Reservereifen war eine Trommel zur Proviantaufnahme eingelassen. Wagen fasst ca. 30 Trägerlasten. Lampen: 3 Acetylenscheinwerfer und Karbidbehälter,  (Petroleumlampen bleiben)

 

Graetz-Mobil Sonstige Ausrüstung:

Jagdmesser, 1 x aptierte Mauser Modell 98,  1 x Doppelflinte, 2 x Browning-Pistolen mit 200 / 150 / 50 Patronen. Zelt ohne Sonnensegel, 2 besonders leicht konstruierte Bettgestelle mit Schlafsäcken  und Moskitonetzen, ein Tisch, Feldstühle, Feldmenage, Spaten.

Küche: 2 Töpfe, 1 Bratpfanne, 1 Grill, 1 Teekanne, 1 Tiegel für die Boys und 1 Eimer  in Kiste vorne links am Wagen. Zelt, Eimer und 2 Feldbetten sind an der Hinterseite des Wagens festgeschnürt. Kleidung Khaki, ab Kalahari Kordstoff.

Eine Ausstattung Leibwäsche, mit Schreibmaterialien und Filmen in wasserdichten Kasten an Außenseite untergebracht.
Photographische Ausrüstung im Wert von 2.000 Mark ( Heute 20.000 Euro )

Telephonapparat für Telegrafenleitungen für Notfälle, 2 U-Schienen zum Übersetzen von Wasserrissen mit Seilwinden

Arzneikiste: Bespien gegen Magenkrämpfe. Antidysentercium = portugiesische Medizin als Prophylaxe gegen Dysenterie und Typhus nach dem Genuss schlechten Wassers. Kochsche Chinin – Prophylaxe – jeden 8 + 9. Tag bzw. in Moskitogegenden jeden 7.+8. Tag gegen Schwarzwasserfieber. Einige Flaschen Kognak ( als Medizin gegen Schlangen- und andere Gifte).

 

Brückenquerung in AfrikaVeränderungen während der Tour

Die Reise war für 6 Wochen bis maximal 6 Monate geplant. Der Chauffeur war gleichzeitig Chefmechaniker. Nach der Fahrt des Liebeskranken Chauffeurs am 6. Expeditionstag in das Flussbett, bei dem durch Wasserschlag der Motor platzte, dauerte es 3 Monate, bis die Ersatzteile und der Ersatzchauffeur bei Graetz in Morogoro wieder eintrafen. Durch die Verzögerung gelangte man in die Regenzeit, wodurch insbesondere die Felgen sehr stark litten.  Im Laufe der Tour wurden verschiedene Felgenkonstruktionen ausprobiert.

Achsenbruch mitten im BuschIn der Kolonie Deutsch-Ostafrika gab es 1907 zum Zeitpunkt  des Tourstarts von Paul Graetz kein einziges Automobil, in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika 3 PKW´s und 4 Lastwagen, in Nord-Rhodesien eine Dampflokomobile Chitukutuku. Die Masse der Arbeiten am Fahrzeug wurden also von Tischlern und Ochsenwagenbauern durchgeführt.

Werkstattunterstützung gab es insbesondere in Johannesburg, in der Continental – Garage, wo alleine 50 Autos drin standen. Hier wurde der Wagen für die Kalahari – Fahrt überholt. Insbesondere die Felgen wurden durch einen Stahlring verstärkt. Man nahm Sandbleche -  sechs Wellblechplatten 7 x 2 Fuß groß  - mit, um durch die sandige Kalahari besser durchzukommen.  Da es aber im Raum Palapye Anfang 1908 gut geregnet hatte, schmiss man die Bleche wieder weg. Zu früh, wie sich am Boteti Fluss herausstellte.

 

Benzinversorgung auf der Tour

Die Etappenlegung in Dar es Salaam bis Morogoro über die Eisenbahn, danach über Trägerkarawanen bis an den Lake Tanganjika. Für die Übersetzung auf dem See war kein Benzin notwendig. Ab Nordsambia musste die Straße neu gebaut werden, da durch die Regenzeit die Fahrt entlang des Lake Malawis unter Ausnutzung der bereits fertigen Teile der Kap-Kairo Bahn nicht durchführbar war. Von Abercorn-dem heutigen Mbala- aus konnte Graetz die Verlegung über Träger entlang der neuen gedachten Route per Telegraphenverbindung organisieren. Er legte dadurch die Anfänge der „Great North Road“ Von Livingstone bis Johannesburg im Wesentlichen wieder entlang der Eisenbahnlinie.

Die Kalahari-Durchquerung erforderte eine besondere Logistik:

Endlich wieder ausreichende Benzinvorräte Palapye Road: Hinterlegter Vorrat: 5 gebrauchte Luftschläuche und Drei Reservereifen, 800 Liter Petrol, 100 Liter Vakuumöl.
Auf 7 Etappen der Kalahari wurden durch Mr. Bailey per Ochsenwagen bereits 1907 insgesamt 575 l verteilt sowie Reifen, Luftschläuche und Motoröl. Graetz erhielt eine Karte der Punkte, an den die Vorräte hinterlegt waren. Einige wurden vergraben und mit einem Holzkreuz mit der Aufschrift „Graetz“ versehen. Keines der Vorratslager wurde ausgehoben.

Der Benzinverbrauch steigt von 1 Gallone Petrol = 4 Liter = 6-7 Meilen auf 1 ½ Gallone pro Meile /1,6 km ( 6 Liter ) im Wüstensand, 280 Liter auf 100 km!

Auf sumpfigen Weg von Palapye Road nach Serowe 38 Meilen /60 km bereits 100 Liter Verbrauch; Sandige Straße von Serowe bis Pompi  200 Meilen/320 km  400 Liter Benzinverbrauch. Aufnahme von 100 l in Pompi (Mopipi ) am Barkers store. Benzin in Inkanani wurde wegen Abkürzung nicht genutzt; Pompi – Ngamisee  250 Meilen / 400 km mit zwei Etappen Kobegas ( Maun ) und Toteng a‘ 75 l;
Das bedeutet insgesamt nur 550 l Vorrat von Pompi – Ngamisee. Absehbar, dass es nicht reicht. Zusätzlich waren die Verschlussstopfen undicht, da niemand richtig die unbekannte Flüssigkeit Benzin lagern konnte. Ein Großteil der Kalahari-Strecke wurde also von Ochsen gezogen durchgeführt. 6 Ochsen mussten für 5 Pfund Sterling gemietet werden.

Ab dem Grenzübergang zwischen British Protektorat Betschuanaland und Deutsch-Südwestafrika gab es wieder eine Tankstelle.